Politische Algebra

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1. Angesichts der Tatsache, dass von über 80 Millionen Einwohnern Deutschlands, bei etwas über 60 Millionen Wahlberechtigten, gerade einmal ganz knapp 2 Millionen Bürger in politischen Parteien als Mitglieder registriert sind und davon schätzungsweise maximal 10 Tausend aktiv mitarbeiten und höchstens 2 Tausend an Entscheidungen mitwirken und vielleicht 2 Hundert Entscheidungen treffen, welche von vielleicht 20 Personen transportiert werden, muss das Fazit gezogen werden, dass die deutsche Bevölkerung zumindest politikunwillig ist, wenn nicht politisch in höchstem Maße faul, und diese Tatsache den politischen Entscheidungsträgern mehr als willkommen sein muss, würden sie es im anderen Falle doch als änderungswürdig erachten müssen.

2. Dem gegenüber stehen vielleicht 10 Tausend gefühlte Widerstandspublikationen, meist in Form unerschwinglicher Bücher, deren annähernde Anzahl sich im Jahr auf höchstens 2 summieren dürfte, sowie real vielleicht 10-20 Internetpublikationen, deren Recherche- und Informationsvermögen in der Lage ist, die politische Situation hinreichend korrekt zu erfassen und darzustellen.

3. Wiederum diesen Publikationen stehen gefühlte Massen von Rezipienten gegenüber, wobei eine wirkliche Rezeption selten auftreten dürfte, von denen in Wirklichkeit wahrscheinlich nicht einmal 10 Prozent in der Lage sein möchten, die politischen Informationen erfassen zu wollen, von denen wiederum höchstens 1 Prozent in der Lage sein will, diese Informationen derart zu verarbeiten, dass sie partizipativ wirken können – zum Wohle aller.

4. Um einen Vergleich zum inzwischen allgemein bekannten Protestslogan »Wir sind die 99 Prozent!« herzustellen, dessen erklärte Widerstandsgrundlage das 1 Prozent der sich auf Kosten von 99 Prozent Bereichernden darstellt, kann hier geschlussfolgert werden, dass dem besagten 1 Prozent Nutznießer der politischen Zustände ebenfalls 1 Prozent williger, wenn nicht fähiger Systemveränderer gegenüberstehen, deren Aktivitäten in den die Meinung ihrer Besitzer wiedergebenden Medien entweder nicht erwähnt werden oder Querulanten und Verschwörungstheoretikern sowie in seltenen Fällen Extremisten oder Terroristen zugeschrieben wird.

5. Dazwischen stehen 98 Prozent von Akzeptanten der gegenwärtigen Verhältnisse, welche sich nur dann auf Neues einlassen wollen, wenn es nicht mehr neu ist oder das Vergangene unter Neuverteilung der Pfründe erhält.

6. In diesem Spannungsfeld findet der politische Kampf, von den Nutznießern auch gern als »Wettbewerb« bezeichnet, zwischen 2 Prozent um die Gestaltungshoheit der Politik und Deutungshoheit der Realität statt und beide Seiten verfügen über das Beeinflussungspotential der sich dazwischen befindlichen 98 Prozent.

7. Das herrschende 1 Prozent nötigt mit häufigem Erfolg einerseits diese 98 Prozent, Entscheidungen ungefragt zu akzeptieren, und das andererseits das gegnerische 1 Prozent – mit meist unerbringlichem Aufwand – um die Gunst der 98 Prozent zu buhlen, von denen jedoch, wie unter 3. dargelegt, höchstens 1 Prozent in der Lage sein dürfte, diese Informationen derart zu verarbeiten, dass sie partizipativ wirken können – zum Wohle aller.

8. 98 Prozent schauen in die Arena und tauschen Meinungen, von denen sie wissen, dass sie der andere nicht meint – und für die politische Realität unmaßgeblich, weil keine Entscheidungen – über die Akteure und Entscheidungen, diese jedoch mit Meinungen verwechselnd, der 2 Prozent aus.

9. Politik ist – entgegen der Meinungen der 98 Prozent – langfristige politische Willens- und keine kurzfristige Meinungsbildung.

10. Die Irrtümer von 98 Prozent richten mehr Schaden als die Irrtümer von 2 Prozent.

11. 98 Prozent ist das gleichgültig.

12. Ihr seid die 98 Prozent!

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