Ich würde ihnen gerne ihr beschissenes Pflegesystem entgegenkotzen!

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Originalveröffentlichung: https://www.careslam.org/blog/2018/3/31/ich-wrde-ihnen-gerne-ihr-beschissenes-pflegesystem-entgegenkotzen

Ich würde ihnen gerne ihr beschissenes Pflegesystem entgegenkotzen!

Es macht mich innerlich zunehmend krank, zu sehen, wie sie bequem an ihren Tischen sitzen und den Pflegekräften feist ins Gesicht lügen.

Von Legislatur zu Legislatur brüsten sie sich mit neuen Maßnahmen, die nichts bringen. Seit 25 Jahren kennt das deutsche Pflegesystem nur einen Weg: Den Weg nach unten!

Sie sitzen an ihren Tischen und auf Kongressen und beraten hochbezahlt, während die deutsche Pflegekraft nur noch im Notstand verbrennt.
Sie machen Pflegestärkungs- und Krankenhausstrukturgesetze, schaffen neue Pflegegrade und Untergrenzen für „pflegesensitive“ Bereiche.
Sie schaffen einen Pflegemindestlohn ohne Wirkung und entbürokratisieren die Pflegedokumentation mit den Worten: „Die Pflegefachkraft soll jetzt wieder denken dürfen“.

Sie meinen, das Licht der Pflege lasse sich von jetzt auf sofort wieder anknipsen.
Sie sagen der Pflege, sie solle wieder leuchten.
Sie erstellen Standards und forschen ohne jede Konsequenz für die Pflegesituation, weil ein Standard keine zusätzliche Pflegekraft ist.
Sie prüfen die Pflege zu Tode und wundern sich, dass keine Prüfung etwas an der Situation ändert.

Jede informierte Pflegekraft weiß schon zur ersten Lesung der Gesetze, warum es wieder scheitern wird.
Wenn die blinde Politik ein gutes Gesetz findet, scheitert es an den inzwischen undurchschaubaren Strukturen.

Der Euro kommt einfach nicht dort an, wo er benötigt wird. Er wird vorher von den Herren in den grauen Anzügen bei Kostenträgern und Konzernen aufgefressen.
Es wird verhandelt, umstrukturiert, geprüft, gekürzt. Es werden Verordnungen nicht umgesetzt, bis vom Euro nicht mehr bleibt als die Ankündigung und das Loch, dass er hinterlässt.

So vergeht Jahr um Jahr und jedes Jahr wird es schlimmer – unsere Hoffnung stirbt (zuletzt).

So schlimm ist es inzwischen, dass der Beruf oft nur noch Minderbegabte anzieht.
Die, die etwas im Herzen und im Kopf haben, wählen einen anderen Beruf oder ziehen sich so schnell wie möglich aus dem Beruf zurück.

Sie wollen uns nicht mehr geben.
Dazu müsse man erst forschen, ob man auch wirklich mehr braucht.
Was für eine Frechheit, wenn man doch den Vergleich zu anderen Ländern sieht. Was muss man da noch forschen? Sie wissen, dass es zumindest 20% mehr Personal braucht. Sie ignorieren es.
Die Pflegekraft ist ein Arbeitnehmer dritter Klasse in diesem Land. Diese Kabine wird uns zugewiesen.

Der schwarze Peter der unzureichenden Gesetzgebung wird in geselligen Runden herumgereicht. Die Gewerkschaften verteilen ihn an die Arbeitgeber, die Arbeitgeber an die Kostenträger, die Kostenträger an die Arbeitgeber. Nach dem Spiel, das nur Gewinner kennt, sitzen sie vereint beim Rotwein.

Jetzt ist es die Privatwirtschaft, die schuld ist. Vor 15 Jahren war es noch der Staat, der Pflege zu teuer anbietet.

Gebeugt geht die verantwortungsvolle Pflegeleitung an dem Abend von Bord, wenn sie ihren Gehaltszettel erhält. Voll schlechtem Gewissen, dass sie mit der Arbeit am Menschen etwas verdienen will.

Kurze Momente der Klarheit erhält die Pflegekraft nur, wenn sie erfährt, was jemand für die Verantwortung für ein paar Gartengeräte verdient und dass die IG Metall jetzt über die 28h/Woche verhandeln will. Was für eine tolle Gewerkschaft!
Die sich für uns zuständig fühlende Gewerkschaft findet den Pflegemindestlohn von 10,55 Euro „vertretbar“. Wir fühlen uns ihr nicht zugehörig. Woran das wohl liegt?

„Pflegekräfte! Rette sich wer kann!“, dazu spielt das Orchester der Kostenträger, Verbände und Gewerkschaften noch lange nach dem Eisberg, der Sparwut heißt, zum Tanz auf.
Die Passagiere der ersten Klasse verteilen sich auf die Rettungsboote. Mit in den Booten die Funktionäre aus Verbänden und Gewerkschaften. Sie rufen sich gegenseitig nur „schöne“ Worte zu und beteuern, im Gespräch bleiben zu wollen. Während die Rettungsboote zu Wasser gelassen werden, klatschen sie der Pflege zu. Respekt und Wertschätzung bräuchten die zurückgebliebenen Pflegekräfte. Die Digitalisierung und die Ausbildungsreform werden das Boot schon über Wasser halten, meinen sie.

Und gleich dem Wuselnauf dem Deck des untergehenden Bootes, rennen die Pflegekräfte in Deutschland auf dem Linoleumboden, der inzwischen ein Vinylboden in Holzoptik ist. Er sieht aus wie das Deck der Titanic.

Es herrscht Geschrei an Bord, Wimmern und Stöhnen. Die Pflegekräfte bäumen sich auf, schöpfen noch Wasser mit verrosteten Eimern, die von Löchern übersät sind.
Trotz der großen Kälte schwitzen sie im Arbeitstakt.
Sie machen weiter, weil sie es gewohnt sind.

Einige wenige verlieren ihre Ehre und springen in das kalte Wasser der Prüfbehörden, um irgendwie zu überleben. Noch während sie merken, dass das kalte Wasser ihr schwach glimmendes Licht löscht, lachen sie die an Bord Verbliebenen aus und schreien ihnen Standards entgegen, wie das Überleben möglich wäre. Sie rufen: „schneller, besser, weiter“, und die Kälte zieht ihnen langsam in die Glieder und macht ihre Bewegungen steif. Sie werden kalt. Das Licht erlöscht.

Als der Bug des Schiffes sich aufbaut und die Pflegekräfte immer wilder mit den rostigen Eimern fuchteln, ohne auch nur noch einen Tropfen Wasser aus dem Schiff zu schaffen, werden in den Booten Kinder geboren und Menschen werden krank. Da schreien sie in den Rettungsbooten. Sie haben Schmerzen. Sie sitzen in ihren Exkrementen. Sie spucken. Sie frieren. Sie leiden unerträgliche Qualen. Doch niemand kann ihnen helfen.

Noch hört man den Lärm des untergehenden Pflegeschiffes, dass das Wasser aufwühlt. Da hört man aus einem Boot, das zu voll mit kranken Menschen ist, die schwache Stimme eines sich vor Schmerzen krümmenden Menschen: „wir hätten sie mitnehmen sollen“.

Eine deutsche Pflegekraft zu Ostern 2018

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